Die 24 Stunden Kitas oder: Im Schlafzeug in den Kindergarten?

Es gäbe viel zu sagen über diesen Plan Schwesigs, mit 100 Millionen Euro in den nächsten zwei Jahren den Ausbau von 24 Stunden Kitas voranzutreiben. Man könnte zum Beispiel fragen, warum das Geld, das ja vorhanden zu sein scheint, nicht den Erzieherinnen gegeben wird, die offensichtlich mit ihren Gehältern unzufrieden sind.

Schlagworte wie Qualität und Betreuungsschlüssel rauschen durch mein Hirn. Aber auch Bindung und Vertrauen.

Mein Hirn sagt, Natürlich, auch eine Nachtschwester muss ihr Kind untergebracht wissen. Aber dann fragt es gleich, warum es in einer staatlichen Institution sein muss. Eine Nanny wäre doch viel praktischer, billiger und könnte sogar ins Haus kommen, wenn sie gebraucht wird. Geld ist da, oder? Natürlich, wir wollen gern um 22 Uhr einkaufen gehen. Und die Frau an der Kasse, die nach dem Rauswurf der letzten hartnäckigen Kunden, dem Check und Abschließen des Ladens + Fahrzeit vielleicht um 23 Uhr oder 23.30 Uhr zuhause ist, hat ja vielleicht auch keine Oma in der Nähe, bei der sie ihr Kind aufgehoben weiß.

Aber warum müssen Eltern denn eigentlich zu diesen Zeiten arbeiten?

Für die Arbeitgeber und Arbeitsagenturen wäre das auch praktisch mit den 24 Stunden Kitas. Erstere müssten immer noch keine Verantwortung für ihre arbeitenden Eltern übernehmen, letztere könnten jede Hartz-Mutti auch in die unmöglichsten Schichtdienste hinein vermitteln. Das wäre prima für die Statistik, aber wie das für die Kinder wäre, fragt keiner. Da gibt es nämlich solche und solche.

2013 gab es 8,1 Millionen Haushalte mit minderjährigen Kindern in Deutschland. Das werden bekanntermaßen auf Dauer weniger, weil hier ja niemand mehr Kinder kriegen wollen, trotz Kita und Krippe. Woran könnte es liegen? Je gebildeter die Frauen eines Landes sind, desto weniger Kinder bekommen sie. Denn sie erkennen, dass im Kreißsaal eine Falle zuschnappt, der sie kaum entrinnen können. Frauen haben von jeher die „Familienarbeit“ übernommen und ihren Männern den Rücken freigehalten. Heute wollen sie – berechtigterweise – auch arbeiten, sich verwirklichen, vielleicht Karriere machen. Die Familienarbeit machen sie zusätzlich. Das nennt man dann Doppelbelastung. Und bei den Alleinerziehenden, da geht es nicht um Selbstverwirklichung, sondern meist ums nackte Überleben. Das ist dann Doppelbelastung mit Armutsgarantie.

Ich habe lange nachgedacht über die 24 Stunden Kitas. Denn mein Bauchgefühl sträubt sich dagegen, das Familienleben zu zerfasern und selbst die frühe Kindheit schon monetären Interessen zu unterwerfen. Ich habe alle Berichte gelesen, die ich darüber finden konnte. Und die Einzelschicksale der Eltern haben mich zu folgendem Schluss gebracht:

Ich muss mein Hirn entscheiden lassen. Weiter ausgebaute Betreuungsmöglichkeiten können die akute Not, die besonders Alleinerziehende trifft, abmildern. Das heißt jedoch auch, dass diese zwischen Job und Familie aufgeriebenen Mütter dann weiterhin harten Belastungen ausgesetzt sind. Und die Kinder? Ich glaube nicht, dass die 24 Stunden Kitas den Kinder zwangsläufig schaden werden. Kinder sind sehr anpassungsfähige Wesen.

Das Dilemma hat jedoch strukturelle Gründe. Frauenberufe sind grundsätzlich unterbezahlt, die Familienarbeit ist ganz unbezahlt und hauptsächlich Aufgabe der Mütter. So hieß es noch bis 1977 in §1356 des BGB: Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist. Fast 40 Jahre später ist diese Passage aus dem Gesetzbuch, nicht jedoch aus den Köpfen verschwunden.

Zweites Problem ist die Vereinzelung der Gesellschaft. Lebten wir in, wie auch immer gearteten, Verbänden zusammen, dann wäre in einer solchen Gemeinschaft die Betreuung der Kinder sicherlich kein Problem. Es würden ja nicht alle gleichzeitig nachts arbeiten, die Kinder wären immer mit ihren gewohnten Menschen zusammen und die Belastung für den Einzelnen wäre viel geringer. Aber ich bezweifle, dass künstlich erzeugte „Großfamilien“ funktionieren können.

Ein weiteres Problem sind die Minijobs, die bevorzugt von Frauen ausgeführt werden. Sie bieten kaum Chancen für Aufstieg oder Weiterbildung, werden zu einer echten Rentenkatastrophe führen und machen Frauen weiterhin abhängig von ihren Männern, wie der focus hier in: Sackgasse Minijob ausführt. Auch der Mindestlohn ändert nichts daran, dass gerade Alleinerziehende trotz Engagement kaum über die Runden kommen, wie diese Reportage exemplarisch veranschaulicht:

Für die Zukunft dieser Frau wäre es besser, wenn sie ihren Sohn noch flexibler in die Kita bringen könnte. Mal ganz davon abgesehen, dass sich mit der Einschulung das Dilemma noch verschlimmert, denn die Klassentür wird auch um 6 Uhr noch nicht aufgeschlossen.

Was wäre denn noch besser als 24 Stunden Kitas?

Ich habe da ein paar Ideen. Wenn wir uns schon nicht mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen anfreunden können, wie es in Finnland jetzt wenigstens experimentell versucht wird, wie wäre es dann mit einem bedingungslosen Kindereinkommen? Eines, von dem man eine gute Nanny oder ein Au Pair bezahlen kann? Die 100 Millionen könnte man, anstatt sie in Kitas zu investieren, auch den Familien geben, die eine flexible Betreuung brauchen. Wir brauchen weiterhin eine Debatte um die Qualität der Kinderbetreuung. Bevor wir weiter ausbauen, muss diese gesichert sein. Der Mindestlohn muss weiter steigen, auch wenn das heißt, das wir dann nicht mehr flächendeckend um 22 Uhr in den Supermarkt können. Dann könnte man vielleicht auch mit einem Teilzeitjob besser „überleben“. Bildungsmöglichkeiten für Mütter müssen ausgebaut, Teilzeitstudieren sollte möglich gemacht werden. Denn eine besser Ausbildung führt zu höheren Löhnen.

Mittel- und langfristig können nur strukturelle Änderungen die Lage der Frauen, Mütter und Alleinerziehenden in unserem Land verbessern. Darum möchte ich mich den 10 Forderungen des Verbands allein erziehender Mütter und Väter voll und ganz anschließen.

Dieser fasst das Problem folgendermaßen zusammen:

„Alleinerziehende sind nicht überproportional arm, weil sie allein erziehen, sondern erstens, weil sie größtenteils Frauen sind und zweitens, weil sie Mütter sind.“

 

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